Spuren 2

by on Aug.20, 2010, under Bücher, Erzählungen, Gay Romance, Gesellschaft, News, Romanze, Thriller


Von seiner Mutter abgeschoben, arbeitet Leon als Aushilfe bei Ismael. Er ahnt nicht, dass Schatten seiner unbewältigten Vergangenheit in Gestalt eines ehemaligen Stiefvaters in sein Leben zurückkehren. Schrecken der Kindheit erwachen, als Leon erneut missbraucht wird.
Obwohl Ismael ihm zur Seite steht, gelingt es Leon erst nach wiederholten Selbstmordversuchen, das Geschehene zu überwinden. Doch neue Schwierigkeiten ergeben sich, als beide Männer ihre Gefühle füreinander entdecken. Verdrängte Erinnerungen, Schuld und Scham erschweren eine Annäherung.

Erschienen im AAVAA Verlag 2010

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Leseprobe aus Band 1
Spuren

Leon wurde langsamer. Sein Atem ging pfeifend. Er hatte den ersten Weg genommen, der ihn von dem merkwürdigen Gebäude in den Wald führte. Überhaupt bestand, bis auf die Lichtung, in die sich das Haus wohl absichtlich idyllisch schmiegte, die gesamte Umgebung praktisch nur aus Wald. Er drehte sich um und fühlte Erleichterung, dass er das Dach nicht mehr sehen konnte. Nur noch dunkle Wipfel, die breite Schatten über den Weg warfen. Das Licht kam ihm fast rötlich vor, wie Blut, das an den Stellen, die es trotz der alles überschattenden Hindernisse erreichte, leuchtete und er wünschte, er hätte sich die Zeit genommen, auf die Uhr zu sehen. Nicht einmal, wie lange er geschlafen hatte, konnte er sagen. Ob er ein oder zwei oder sogar mehr Tage weggewesen war, blieb ein ebensolches Rätsel wie alles andere. Und er hatte weder Lust noch die Kraft, um ernsthaft nach einer Antwort zu suchen.
Eigentlich reagierte er nur auf Instinkt. Wollte einfach weg, von Ismael, von den Fragen, die unvermeidlich kamen, von dem, was ihm bevorstand und dem, was hinter ihm lag.
Er holte tief Luft und klopfte seine Taschen ab, bemerkte erst jetzt die seltsame Kleidung, die er trug. „Na super“, stieß er hervor, als ihm mitsamt des ungewohnt harten und grellen Stoffes das Krankenhaus wieder einfiel. „Na super“, wiederholte er etwas leiser, als die Gesichter von Schwestern, des Arztes und von zwei Polizisten an ihm vorbeizogen. Alle hatten sie ihn angesehen, als käme er von einem anderen Stern. Nicht nur das, sie hatten ihn betrachtet, als raubte er ihnen absichtlich ihre Lebenszeit.
Durchbohrten ihn mit ihren Blicken, wollten Antworten um jeden Preis und konnten sich nicht mit dem zufrieden geben, was er hervorbrachte. Und keiner von ihnen wusste, wie sehr er sich quälte, um überhaupt etwas hervorzubringen.
Eine Zigarette wäre jetzt wirklich fabelhaft. Aber andererseits war ihm auch immer noch ein wenig übel. Sein Magen verkrampfte sich in regelmäßigen Abständen und er hegte ernsthafte Zweifel, ob ihm das Rauchen wirklich gut täte. Andererseits, was sollte auch passieren? Bestenfalls fiele er um und verendete kläglich. Damit wären sowohl ihm, als auch allen anderen geholfen. Vor allem Angela. Besser und gründlicher konnte sie ihn nicht loswerden. Und dann war da noch Ismael, der sich offenkundig die allergrößte Mühe gab. Leon konnte nicht verstehen warum. Und warum diese merkwürdige Flucht? Warum waren sie nicht schon längst wieder in Ismaels Wohnung, gingen zum Alltag über? Es war einfach absurd. Vielleicht aber auch so eine Kleinstadtgeschichte. Manche Dinge passierten dort eben nicht. Man musste alle Rückstände beseitigen, bevor man in sein Leben zurückkehren konnte. Um nur keinen zu stören.
Leons Knie fühlten sich an wie Pudding. Er ging zwei vorsichtige Schritte zum nächsten Baum und rutschte dann an ihm herunter auf den Boden. Die Erde war steinig und unangenehm hart, aber wenigstens trocken.
Sein Kopf schmerzte, aber wenigstens blendete der Kopfschmerz die anderen Beschwerden aus, an die er noch weniger denken wollte. Im Denken lag überhaupt das größte Problem. Wenn er es abstellen könnte, wenn er einfach nur dasitzen und in das Geäst oder in den Himmel starren könnte, dann wäre es sicher einfacher.
Leon blickte nach oben. Ein dunstiger Schleier zog sich bereits über die Baumwipfel, kündigte den bald hereinbrechenden Abend an.
Vielleicht konnte er hier sitzenbleiben. Vielleicht einfach abwarten, bis die Nacht in verschlang. Mit etwas Glück erfror er oder wilde Tiere zerrissen ihn.
Leon schloss die Augen. Aber soviel Glück hatte er nicht, nie gehabt. Er war wohl insgesamt ziemlich frei von Glück. Oder wie sonst ließe es sich erklären, dass Emil so mir nichts dir nichts auftauchen konnte, dass er ihn überhaupt gefunden hatte.
Was hatte er gesagt: Wir gehören zusammen?
Bittere Galle kroch Leons Speiseröhre hoch. Natürlich, wenn er sich an etwas erinnerte, dann an die verwirrten Äußerungen eines kranken Geistes. Denn krank war Emil mit Sicherheit. Soviel war Leon inzwischen durchaus klar. Ob Emil wirklich das geäußert hatte, woran er sich zu erinnern glaubte, das konnte Leon nicht beschwören. Und er wusste sehr gut, dass er dazu in der Lage sein müsste. Zu irgendeinem überzeugenden Gedanken in der Lage sein müsste.
Aber das war er nicht. Nur diese blitzartig auftauchenden Bilder, die ebenso gut aus seinen Albträumen oder aus einer abartigen Fantasie stammen konnten. Einen Sinn ergab das Ganze auch nicht. Warum sollte Emil so einen Quatsch von sich geben? Und warum sollte er überhaupt hier auftauchen?
Vielleicht war er es auch gar nicht gewesen? Vielleicht hatte Leon sich auch das nur eingebildet. Seine Finger rieben nervöse Kreise gegen die Schläfen und Leon merkte es nicht. Vielleicht hatte ihn irgendein beliebiger, zufällig vorbeikommende Einbrecher niedergeschlagen und Ismael hatte einen mordsmäßigen Schreck bekommen und war deshalb verschwunden? Der Mutigste war er sicher nicht. Eher der Typ, der sich unterbuttern ließ und dem Ärger aus dem Weg ging. So wie er selbst.
Leon atmete langsam aus.
Er wünschte, dass der Druck in seinem Kopf nachließe, aber wusste zugleich, dass dies nicht geschähe. Sein Schädel fühlte sich an, als könne er jeden Augenblick auseinanderplatzen, eine blutige Masse Gehirn auf dem Waldweg verteilen. Leon lächelte fast bei der Vorstellung. Was wohl die braven Leute hier dazu sagten? Was Ismael wohl zu einem solchen Anblick sagte?
Er rieb sich die Stirn. Lauter feine Messerklingen malträtierten ihn, stachen wieder und wieder in sein Gehirn. Fast als bezweckten sie damit, etwas herauszuholen. Als wollten sie ihn aufschneiden und seine Geheimnisse ans Licht befördern. Geheimnisse, die er selbst nicht mehr kannte.
Sein Magen drehte sich um und jetzt war Leon froh, dass dieser leer war. Er würgte ein paar Mal erfolglos und sank dann erschöpft gegen den Stamm zurück. Es wurde immer dunkler. Wenn er ein netter, pflichtbewusster Junge wäre, dann würde er jetzt aufstehen. Vielleicht sich bei Ismael bedanken. Wofür auch immer. In das Bett kriechen und schlafen, bis die ganze leidige Geschichte vergessen war.
Nur, dass er nicht aufstehen konnte. Noch nicht.
Die spitzen Messer stachen tiefer. Sie kratzten an nicht verheilten Narben, bohrten sich in den verschlossenen Klumpen, der in seinem Kopf tanzte, trieben ihn dazu, sich heftiger, wilder zu bewegen, von innen gegen seinen Schädel zu pochen, bis er glaubte, die Knochen knacken zu hören.
Er umfasste seinen Kopf mit beiden Händen und stöhnte. Obwohl der Klumpen sich fest verpackt in einer unzerstörbaren Hülle befand, pulsierte er, vermittelte gelegentliche, überraschende Anzeichen der Kräfte, die in ihm tobten. Einer Bombe gleich lauerte er auf eine Explosion, die niemals kommen dürfte.
Leon wusste nicht, was schlimmer war, die Übelkeit oder der Kopfschmerz. Aber er wusste, dass er beides nicht mehr lange aushielt. Er brauchte einen Ausweg, einen Gedanken, an den er sich halten konnte.
Wie hatte er es damals geschafft? Jeder Nerv in ihm warnte ihn davor, sich in der Zeit zurückzubegeben. Die Zeiten waren vorüber, vorbei, vergessen und unbedeutend. Und doch war es ihm gelungen, seine Kindheit zu überstehen, dieses Jahr zu überstehen. Denn ein Jahr war es doch nur gewesen, ein halbes eigentlich, wenn überhaupt, das er seither erfolgreich aus seinem Gedächtnis verbannte.
Ein lächerliches Jahr, das vielleicht ein wenig schwierig gewesen war. Wenn auch nur geringfügig schwieriger als die anderen. Kein Grund, sich über alle Maßen aufzuregen, kein Grund für Übertreibungen oder dafür zurückzuschrecken, wenn nur eine Windhauch aus jenen vergangenen Zeiten zu ihm unter die Nase wehte.
Davon abgesehen, dass es ohnehin bereits zu spät war. Der Windhauch zog doch längst über ihn hinweg. Besser gesagt, der Sturm hatte ihn erneut umgeworfen.
Leon verschlang seine Arme vor der Brust. Auf einmal war ihm kalt. Zugleich schwitzte er, fühlte die Schweißtropfen von seiner Stirn perlen.
So schwer war es nicht gewesen, konnte es nicht gewesen sein. Umstellungen gehörten immer zu seinem Leben, ebenso wie der Wohnungswechsel. Und auch wenn es sich noch so erbärmlich angefühlt hatte, wie ein fünftes Rad am Wagen in der ohnehin bereits überfüllten Bruchbude einer von Angelas wenigen, weiblichen Bekannten Unterschlupf zu finden, so hatte er zumindest seine Ruhe. Oder konnte sie finden, wenn er sich in den übelriechenden Keller des Hauses zurückzog, dorthin wo er nicht hören musste, wie Angela sich bei irgendjemandem der zufällig Anwesenden ausheulte. Wo er den Blicken der anderen Bewohner entging, die ihm vorwarfen, dass er an dem Scheitern der letzten Chance seiner Mutter auf ein glückliches Leben die Schuld trug.
Dort konnte er sich verstecken und die Übelkeit bekämpfen, das schwelende Feuer in seinem Kopf und seinem Herzen in Schach halten.
Leon presste beide Hände gegen seinen Unterleib. Ein dunkles Feuer, eingeschlossen in heißes Metall, wanderte durch seinen Körper, unantastbar und gefährlich. Der einzige Weg damit umzugehen, bestand darin, es tief genug in sich selbst zu verbannen, so tief, dass er es vergessen konnte. Und früher oder später auch vergaß.
Nur dass es nicht das Einzige blieb, das er vergaß.
Leon atmete zitternd ein und blinzelte. Es war noch dunkler geworden und richtig kalt. Die Jacke war zu dünn, Hose und Hemd erst recht. Und seine Füße fühlten sich bereits an wie Eisklumpen. Und er wusste nicht, ob er nicht aufstehen konnte oder es einfach nicht wollte.

Spuren Band 2

Die Entscheidung die Schule aufzugeben, traf er nicht bewusst und nicht von einer Sekunde auf die andere. Sie hatte damit zu tun, dass er, gepresst in einen Stundenrhythmus die Aussetzer bemerkte, die er eigentlich vergessen geglaubt hatte, und die ihn nun wieder einholten. Er wusste nicht mehr, warum er in einem Raum stand, oder wie er dorthin gekommen war. Aber er wusste, dass er sich von seiner Klasse entfernt haben musste. Sein Herz pochte, denn all das wäre noch nicht so schlimm, verfolgten ihn nicht diese Schatten. Nur aus den Augenwinkeln nahm er sie war, nahm er ihn war, und er wusste sehr gut, dass Emil nicht wirklich da war, dass es sich um eine Illusion handelte, um nichts anderes als eine Einbildung, Produkt seiner überreizten Nerven. Emil konnte nicht mehr auftauchen, er war ein für alle Mal hinter Gittern. Zumindest bis er wieder entlassen wurde. Leon schauderte. Er lief schneller, suchte im Gehen eine Zigarettenschachtel heraus und suchte mit zitternden Händen nach einem weniger zerdrückten Exemplar. Es war kalt und er sah die weiße Wolke seines Atems vor sich, auch ohne dass sie mit Rauch versetzt war. Wie lange er gelaufen war, wusste er nicht. Mittlerweile kannte er jeden Weg, jeden Pfad, jeden Winkel im Umkreis. Er war alles abgewandert, kannte die Gegend im Schlaf, und doch brachte es ihn nicht weiter. Er sollte in der Schule sein, doch er konnte sich nicht dazu bringen, seine Schritte zurück zu lenken. Ebenso wenig konnte er zum Laden zurückkehren. Und am allerwenigsten konnte er Ismael sagen, was in ihm vorging. Nicht solange er selbst es nicht wusste. Er wollte nicht zur Schule zurück, konnte nicht zurück, aber noch viel weniger ahnte er auch nur, was er stattdessen mit sich anfangen sollte.
Leon verließ den Feldweg und lief ein Stück am Waldrand entlang bis er zu einem Teich kam, der im Sommer vielleicht idyllisch, im Winter allerdings eher trostlos wirkte. Er rauchte und sein Blick hing an der dünnen Schicht Eis, das gerade erst begann sich zu bilden. Und er fragte sich unweigerlich, ob es möglich war, in diesem Tümpel zu ertrinken, oder ob die Wassertiefe nicht ausreichte. Und doch, die Kälte konnte helfen.
Leon blinzelte und starrte auf seine Füße hinunter. Sein Kopf dröhnte und seine Hände waren eiskalt. Immer noch hielt er die Zigarettenpackung in seinen Händen, drehte sie hin und her, aber nun war sie leer. Und in seinem Hals spürte er das vertraute Brennen zu vieler zu schnell gerauchter Zigaretten. Er stand auf dem Gehsteig. Der Waldboden war festem Pflaster gewichen und schon bevor er aufsah, wusste Leon, dass er sich vor Ismaels Laden befand. Und das ohne dass er vorgehabt hatte, dorthin zu gehen. Eigentlich war dies sogar das Letzte aller vorstellbaren Ziele, ganz egal was er Ismael gesagt hatte. Er sah auf, blickte durch die Scheiben in das erleuchtete Innere und dann in die Höhe. Und er fühlte nichts. Es war ihm egal. Er war taub innerlich und müde, mehr als müde. Leon drehte sich um und ging langsam in Richtung der Wohnung. Seine Füße hoben sich kaum über den Boden, er schlurfte fast, doch seine Kräfte reichten nicht für mehr. Ismael würde nicht da sein, und das war im Augenblick alles, was für ihn zählte. Vielleicht konnte er schlafen, vielleicht half es ihm, ins Warme zu kommen, das vertraute Stechen in den halb erfrorenen Füßen, die langsam auftauten, so langsam, dass es schmerzte. Er sah auf und in der Schaufensterscheibe auf die er zuging, sah er sich selbst, einen dünnen Jungen, der mit hängenden Schultern und krummen Beinen, gebeugtem Rücken durch die Straßen schlich. Und hinter ihm ging eine größere Gestalt. Leon zuckte zusammen und fuhr herum. Der Atem stockte ihm, als er auf erstaunte Augen traf. Der Mann sah ihn irritiert an, und ging dann an ihm vorbei, während Leon schwer atmend auf der Stelle stehen blieb, bis ihn ein nachfolgender Fußgänger anrempelte. Dieser stieß einen ärgerlichen Fluch aus, während Leon immer noch darum kämpfte, sich bewegen zu können. Für einen Augenblick, für einen winzigen Augenblick nur, hatte er wirklich geglaubt, dass Emil hinter ihm stand.
Endlich konnte er wieder Luft holen und taumelte auf seinem Weg weiter. So konnte es nicht weitergehen. Er hielt das einfach nicht aus. Er musste glauben können, dass sich etwas verbessern ließe. Glauben wieder besseren Wissens. Er hatte das alles schon einmal durchgemacht. Und dieses Mal hatte er Ismael auf seiner Seite. Und er wusste, dass Emil nicht mehr wiederkam. Wusste, dass ihm nichts passieren würde, dass er sich lediglich zusammenreißen musste, koste es was es wolle. Leon erreichte das Gebäude und ließ sich selbst hinein. Er hatte nicht bemerkt, dass die Dämmerung bereits über den Ort hinein brach, hatte nicht gemerkt wie lange er gebraucht hatte für das kurze Stück Weg.
Er fiel beinahe in die Wohnung, seine Erschöpfung unerträglich. Leon tastete sich vorwärts zum Bett, als das Licht aufflammte. Trotz seiner Erschöpfung zuckte er zusammen.
„Du warst nicht in der Schule.“
Leon entließ seinen Atem in einem heiseren Seufzen, als er rückwärts ging, bis er mit den Innenseiten der Knie gegen die Matratze stieß. Er ließ sich schwer darauf fallen, schloss die Augen. „Können wir morgen darüber reden?“, murmelte er.
Ismael schnalzte mit der Zunge. „Ich denke nicht.“ An seiner Stimme hörte Leon, dass Ismael wirklich ärgerlich war. Und doch fühlte er sich zu taub, um eine angemessene Reaktion sich auch nur vorzustellen. „Was hast du die ganze Zeit gemacht?“, fragte Ismael. „Ich kann kaum glauben, dass die mich im Laden angerufen haben. Kann nicht glauben, dass du schon gestern gefehlt hast. Du bist doch auf Probe.“
Leon ließ die Augen geschlossen, stellte sich vor, wie Ismael hin und her ging, bevor er sich auf einen Stuhl sinken ließ.
„Wir waren uns doch einig“, stieß Ismael hervor. „Ich weiß doch auch nicht, was ich machen soll.“ Leon hörte, wie der Mann sich die Stirn rieb, wie er an seiner Wange kratzte, wo der Anflug eines Bartes seinen Schatten warf.
Leon lauschte auf seinen Atem. Er war zu müde um zu antworten, zu müde um zu erklären. Sein Kopf dröhnte. Er glaubte eine Ader in seinem Hinterkopf pochen zu fühlen, und dachte einen Moment daran, wie es wohl sein würde, wenn diese platzte, wenn sein Kopf platzte, und Ismael mit der Bescherung da saß. Neben all dem anderen Ärger, den er verursacht hatte, den sein Blut an den Möbeln, den Wänden und auf dem Boden verschaffen konnte. Böses Blut, wenn er darüber nachdachte. Vergiftet. Die Gedanken wanderten durch seinen Kopf, hinterließen schmerzende Spuren und verschwanden, ohne dass er sich an sie erinnern konnte. Er fühlte nur den Schmerz, seine Erschöpfung und die Unmöglichkeit der Situation. Ismaels Worte waren ein Raunen im Hintergrund, nicht mehr. Und Leon blieb still sitzen und lauschte auf das Anschwellen des Dröhnens, das nur unterbrochen wurde, wenn ihn ein Zittern durchfuhr. Die Kälte, dachte er schwach. So lange war er noch nicht zurück, als dass sein Körper wirklich aufwärmen konnte, aber im Grunde war er froh darüber. Es gab ihm eine Beschäftigung, den Vorgang zu beobachten, wie das Kribbeln in seinen Gliedern startete, sich zur Unerträglichkeit anwuchs, bis er es nicht mehr aushielt und doch die Augen öffnete.
Er traf direkt auf Ismaels hellbraune Augen, die ihn aufmerksam anstarrten. Offenbar war sein Ärger zumindest stückweise verflogen. „Können wir es so machen?“, fragte Ismael, und Leon riss sich zusammen und nickte leicht. Es war ihm egal, wessen er zustimmte, die Hauptsache der Mann ließ ihn danach in Ruhe.
„Also gut.“ Ismael sah ihn immer noch an, und Leon schloss wieder die Augen und ließ sich dann auf die Matratze zurücksinken. Vage erinnerte er sich, dass es sich um Ismaels Bett handelte, aber er vertraute darauf, dass der Mann Einspruch erhob, sollte sich am Schlafarrangement etwas verändert haben.
Ismaels Ärger verdampfte je genauer er den Jungen ansah. Leon Lippen waren blau, an die Blässe seiner Haut hatte er sich bereits gewöhnt. Auch daran, dass er nicht viel sprach, geschweige denn eine Erklärung abgab, warum er die Schule gemieden hatte. Ismael rieb sich die Schläfe. Nicht einmal die Jacke hatte Leon ausgezogen. Die Augen blieben fest geschlossen und der Atem ging verdächtig ruhig. Vielleicht hatte Leon versucht, mit seinen Gedanken klar zu kommen und Ismael stimmte ihm zu, dass dies am ehesten möglich war, wenn er Bewegung an frischer Luft ausübte. Wenn er sich nur nicht erkältete. Ismael drängte den Gedanken fort. Wenigstens sah es aus, als habe Leon sich mit seinem Ausflug und Schule Schwänzen eine ruhige Nachtruhe verdient, und allein diese Tatsache wusste Ismael bereits sehr zu schätzen. Vielleicht, wenn er selbst durchschlief, dann fiel es ihm auch leichter, eine Entscheidung zu treffen. Er stand auf, überlegte einen Moment und nahm dann eine Decke vom Stuhl, breitete sie über dem Jungen aus. Doch zuckte zurück, als Leon mit einem Keuchen auffuhr. Er stützte sich mit den Armen im Rücken auf der Matratze ab und krächzte: „Ismael. Was zum Teufel machst du da?“
Ismael atmete aus, hielt immer noch die Decke fest, und ließ diese dann langsam über Leon Beine gleiten. Er ging nicht auf die Frage ein, zu bekannt war ihm mittlerweile Leon nächtliches Aufschrecken.
„Ist das wirklich okay für dich?“
Leon stöhnte leise, ließ sich zurücksinken und bedeckte seine Augen mit einem Unterarm. „Was?“, murmelte er müde.
„Diese Wohnung“, fuhr Ismael hilflos fort. Er hatte keine Ahnung, warum er sich schon wieder verpflichtet fühlte, das Thema anzuschneiden, aber er konnte es nicht lassen. Es stimmte etwas nicht an dem Bild des Jungen, der in Ismaels Bett ruhte und der bislang ob mit Absicht oder aus Unachtsamkeit keinen Fuß in das Zimmer gesetzt hatte, das eigentlich ihm zugedacht war.
Leon stöhnte wieder, hob jedoch nicht den Arm. „Wie oft muss ich es denn noch sagen. Es ist mir wirklich egal. Lass uns zum Laden zurückgehen. Vorher gibst du doch keine Ruhe. Ich weiß, dass du den Laden liebst. Und die Wohnung darüber. Das ist okay. Und mach dir keine Gedanken um mich. Ich bin eh nicht mehr lange da.“
Seine Stimme wurde immer leiser, und er wusste kaum noch was er sagte. Die Wärme begann endlich in seinen Körper einzudringen und erfüllte ihn mit wohliger Ruhe.
„Ich weiß nicht, was dich dazu bringt das zu sagen“, erwiderte Ismael ebenso leise. „Du wirst noch lange hier sein.“ Und das letzte, was Leon wahrnahm noch bevor er wegdriftete war der unglückliche Unterton, der in Ismaels Worten mitschwang.
Ismael seufzte. Er hätte dafür sorgen müssen, dass Leon etwas aß, möglichst etwas Warmes. Der Junge sah von Tag zu Tag schlechter aus, was kein Wunder war, bedachte er den fehlenden Appetit. Es schien, als ernähre er sich in erster Linie von Koffein und Zigaretten. Und Ismael selbst war nicht oft genug anwesend, um zu kontrollieren, was er sonst zu sich nahm. Die Schatten unter Leon Augen wollten nicht weichen, auch wenn die blauen Flecken kaum noch wahrnehmbar waren. Langsam drehte Ismael sich um und betrat schließlich Leon Zimmer. Das Fenster war erneuert, mit Rollläden ausgestattet und einem Extra-Schloss. Ismael hatte Laken und Teppich gewechselt und das Zimmer noch einmal gründlich gereinigt. Aber trotzdem stimmte etwas nicht. Er drehte sich um, betrachtete Wand für Wand und schauderte unwillkürlich. Er konnte es verstehen, dass Leon nicht in diesem Raum bleiben wollte, konnte er es doch selbst kaum darin aushalten. Beim besten Willen war er sich nicht sicher, was es war, aber die Erinnerung wog zu schwer, als dass sie sich fortschieben ließ.
Mit Caroline hatte er seit Tagen nicht mehr gesprochen, sei es mit Absicht, oder weil sie beide einfach zu viel zu tun hatten. Aber eigentlich wollte er nicht mit ihr sprechen, er wollte mit niemandem darüber sprechen, nicht darüber, dass es wieder geschehen war, und dass er nun wusste, dass sie nirgends sicher waren, dass Leon nirgendwo sicher sein konnte. Vor Emil vielleicht, aber nicht vor all dem anderen, was drohte und was er nicht einmal in Worte fassen konnte.
Und er wusste sehr gut, dass wenn er es Caroline erzählte, sie ihn umgehend wieder in der Pension einmieten würde. Vermutlich sogar ohne dass er große Chancen hatte, ihr in ihrem Eifer zu widersprechen.
Doch die Pension hatte nicht geholfen. Ganz im Gegenteil, das Gefühl in einem Zimmer zu leben, das nicht sein eigenes war, widersprach seinem ureigensten Wesen. Er konnte es nicht ertragen, nicht einmal die Vorstellung ertragen, ein weiteres Mal den Ort zu wechseln, den Schlafplatz. Ismael dachte wieder an Leon. Zumal es ohnehin erst einmal das Wichtigste war, dass Leon wieder lernte zu schlafen, dass er durchschlief ohne schweißgebadet und mehrmals in der Nacht keuchend hochzuschrecken, laut genug, dass auch Ismael aus dem inzwischen leicht gewordenen Schlaf fuhr.
Ismael rieb sich über die Stirn. Was waren das für Zeiten, in denen er noch eine Nacht durchschlafen konnte, in der er wirkliche Ruhe genossen hatte. Man wusste die Dinge eben erst zu schätzen, wenn sie einem genommen wurden. Ismael schluckte. So wollte er nicht denken. Leon hatte ihm nichts genommen. Leon war das Opfer, und er hatte sich geschworen ihm zu helfen, wo er ihm helfen konnte. Es war das Mindeste, was er tun konnte.
*
Eine richtige Nachtruhe kannte Ismael schon seit langem nicht mehr, und so wunderte es ihn nicht, dass er in tiefer Dunkelheit erwachte, nach nur kurzem Schlummer, zu leichtem Schlaf, als dass er eine Erholung in diesem finden konnte. Es war beinahe zu finster und Ismael fror. Die Nacht wog schwer und er versuchte vergeblich, sich von ihr zu befreien. Sein Kopf tat weh und die Erkenntnis der Bürde, von der er sich auch während der kurzen Phase des Schlafes nicht hatte lösen können, wog umso schwerer. Und doch konnte er sich des Gefühls nicht erwehren, dass etwas nicht stimmte. Etwas war ganz und gar nicht in Ordnung. Und dann hörte er ein feines Klingen, leise, kaum wahrnehmbar, als fiele ein zarter, leichter Gegenstand und prallte auf kalte Fliesen.
*
Leon konnte nicht schlafen. Nicht dass es sich dabei um etwas Neues handelte oder eine Überraschung. Aber vielleicht hatte er doch im Stillen gehofft, dass ihm Erschöpfung, Kälte und das Gefühl keinen Fuß mehr vor den anderen, geschweige denn die Augen offen halten zu können, ermöglichten in seliges Vergessen zu sinken.
Es sollte nicht sein, und als er aufwachte, war ihm immer noch kalt. Nicht mehr diese Kälte, die er von draußen mit hineingebracht hatte, sondern die innere Kälte, die er seit geraumer Zeit nicht mehr los wurde. Er blinzelte in die Dunkelheit und fragte sich, ob er die Möblierung des Raumes gut genug kannte, um die Umrisse jedes einzelnen Hindernisses zu erahnen, oder ob ein schwaches Licht durch Vorhänge und Rollläden von Straßenlaternen ausgeschickt, ausreichte, um ihm die Sicht zu erleichtern. Vollkommene Dunkelheit zöge er vor, ermöglichten doch die Konturen, sobald er sich bewegte, das Flackern von Schatten, die auf einmal das Zimmer bevölkerten. Leon schloss die Augen. Es war lächerlich. Ismael befand sich auch hier, er konnte seinen Atem hören. Aber war es nicht noch lächerlicher, sich auf Ismael zu verlassen? Leons Herz krampfte sich zusammen. Was sagte das über ihn aus, oder über den Mann. Beim besten Willen konnte er sich nicht vorstellen, dass Ismael diese Farce noch länger mitmachte. Zumindest nicht freiwillig mitmachte. Irgendein falsch verstandenes Pflichtgefühl musste ihn dazu treiben, sich diesem unzumutbaren Zustand auszusetzen.
Der Druck in Leon Kopf schwoll an und als er es nicht mehr aushielt, schwang er seine Beine über den Bettrand. Nicht dass ihm das Aufrichten half, die Kopfschmerzen loszuwerden, aber zumindest veränderte sich die Perspektive. Und solange es nicht schlimmer wurde, konnte er es ertragen.

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