Emmas kleiner Krimi

by Sigrid Lenz on Mai.31, 2010, under Bücher, Erzählungen, Gesellschaft, Thriller

Vier Frauen werden mit einem Verbrechen in der Nachbarschaft konfrontiert. Jede von ihnen trägt an ihrer Vergangenheit als Anorexie-Patientin. Bei jeder von ihnen hat sich die Krankheit anders entwickelt. Doch ist es keiner gelungen, sie vollständig zu überwinden.

Als ein Mitglied der Wohngemeinschaft einen schweren Verdacht hegt, stößt es vorerst auf Unglauben. Die Gemeinschaft sieht sich einer wachsenden Bedrohung ausgesetzt. Steigende Zweifel kollidieren mit unerwarteten Ereignissen kollidieren. Die Situation verschärft sich, als die Täter Verdacht schöpfen.

Erschienen im AAVAA Verlag 2010

Erhältlich als:

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Taschenbuch (Standardformat) bei Amazon

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Leseprobe:

Mit einem Mal war sie hellwach.

Seltsame, knirschende Geräusche klangen von außerhalb an ihr Ohr. Wie elektrisiert lauschte sie und wurde wie an einem unsichtbaren Band langsam, aber unaufhaltsam zum Fenster gezogen.

Der Garten erschien immer noch in hellem Glanz des Mondlichtes und die weißen Wände des Nachbarhauses blendeten ihre müden Augen. Doch dort drinnen, von ihrem Platz aus genau zu erkennen, stand Jacqueline Jagdbach hinter Germaines Rollstuhl, oben, direkt an der Treppe.

Emma konnte nicht sagen, ob Germaine es war, die schrie oder Grace Kelly auf der Mattscheibe. In jedem Fall starrte sie schreckensbleich auf die Szene, die sich von Sekunden auf Stunden auszudehnen schien.

Unendlich langsam, wie in Trance, so erlebte Emma es mit, als der Rollstuhl mit dem augenscheinlich leblosen Körper darin, sanft nach vorne rollte, einen Moment verharrte, kippte, und dann immer schneller werdend, schwankend, polternd und sich überschlagend die Treppe hinunterstürzte.

Germaines schmale Gestalt hielt sich wie ein Wunder bis zu der letzten Stufe in ihrem Gefährt, bis sie schließlich mit unaufhaltsamer Wucht hinausgeschleudert wurde, von der Wand abprallte, und auf dem steinigen Boden aufschlug.

Nur für einen kurzen Augenblick gaben die im Mondlicht wie ein seidener Vorhang wehenden Haare das blasse Gesicht Germaines frei. Im Bruchteil einer Sekunde bohrten sich Germaines dunkle, tote Augen in Emmas Herz.

Es war totenstill.

Unbeweglich wie eine Statue stand Jacqueline Jagdbach, mit einer Hand an das Geländer gelehnt. Die andere hielt sie noch ausgestreckt, das platinblonde Haar leuchtete weiß, wie der Mond selbst.

Emma erwachte aus ihrer Unbeweglichkeit. Eine eisige Kälte überkam sie. Sie versuchte zu schlucken, aber sie fühlte sich wie zugeschnürt.

Zitternd kroch sie in ihr Bett zurück und schloss die Augen.

Das Kabel des Kopfhörers hatte sich wohl gelöst, denn sie konnte das dramatische Ende des Filmes hören, ohne die Augen öffnen zu müssen.

„Nichts ist passiert. Nichts davon ist passiert. Das ist alles nur ein Traum, kann nur ein Traum sein“, flüsterte sie vor sich hin und zog die Decken über den Kopf. In ihren Gliedern schmerzte es, und allmählich verlor Emma das Bewusstsein, sank in erneuten Schlaf. Es war ihr, als hörte sie Sirenen von Krankenwagen und lautes Stimmengewirr. All dies jedoch nicht lebendig genug, um in ihre dumpfen Träume einzudringen.

Der Morgen kam Emma unwirklich und seltsam vor. Zum ersten Mal seit Wochen verschlief sie die frühen Morgenstunden und raffte sich erst auf, als die Sonne die Farben der Welt bereits zum Strahlen gebracht hatte.

Ein Gefühl der Übelkeit erfasste Emma, als sie sich erhob, und in ihrem Kopf tobte es wild durcheinander. Verrückte Träume kurz vor dem Erwachen, die unwirklichen Erinnerungen, die sich während der Nacht in ihren Verstand gegraben hatten, und das seltsame Fehlen eines vertrauten Morgenkaters – all das verursachte ihr einen bitteren Geschmack im Mund.

Ihr war, als schwämme sie alleine auf einem Eismeer, und die einzigen Rettungsflöße wären glitschige Eisschollen, auf denen unmöglich ein Halt zu finden war. Sie rappelte sich stöhnend auf, bekämpfte ihren Schwindel und trat schließlich auf die Treppe.

Unten herrschte noch Stille, aber dennoch lag Unruhe in der Luft. In der Küche angekommen, löste sie zuerst eine Aspirin-Tablette in einem Glas Wasser auf. Der bittere Geschmack verstärkte das Gefühl der Übelkeit noch zusätzlich. Mit einem Seufzer setzte sie Kaffee auf und goss sich einen Schluck des Madeiras, der lediglich zum Verfeinern besonderer Gerichte einsam im obersten Regal des Küchenschrankes stand, in ein blaues Plastikglas.

Das Klappern des Geschirrs klang beinahe schmerzhaft in Emmas Ohren, als auf einmal Natascha im gepunkteten Schlafanzug in der Küchentür stand.

„Hast du das heute Nacht mitgekriegt? So ein Aufruhr, fast wie im Fernsehen.“

Fragend sah Emma die Jüngere an. Eine undeutliche Erinnerung tauchte aus dem Nichts auf, ein verdrängter Traum, als wäre die ganze Nacht eine einzige Folge scheußlicher Albträume gewesen.

„Was war denn?“

Sie schluckte, Böses ahnend. „Ich muss tief und fest geschlafen haben.“

Natascha behalf sich zu einem Orangensaft und trank einen großen Schluck.

„Irgendwann heute morgen, so um halb vier oder vier, gab es ein Mordsspektakel, drüben bei den Jagdbachs.“

Natascha setzte sich und kam begeistert ins Erzählen. Ihre Haare standen wirr ab, und Emma fiel zum ersten Mal auf, dass vereinzelte Sommersprossen in ihrem Gesicht buchstäblich leuchteten.

„Quietschende Reifen, und das laute Geheul der Sirene des Krankenwagens – also ich stand sofort aufrecht im Bett. Dann bin ich runter gelaufen, und da standen schon Caro und Motte, sowie ein ganzer Haufen Nachbarn, die ich komischerweise vorher noch nie gesehen hatte. Ob die sich tagsüber verstecken und nur in der Nacht hervorkommen? Auf jeden Fall gab es eine Menge Blaulicht und Sanitäter.“

„Was ist denn nun passiert?“

Emma zeigte sich am Ende ihrer Nerven.

„Germaine Jagdbach hat Selbstmord verübt“, sagte Caro kalt, die wie aus dem Boden gewachsen auf einmal ebenfalls in der Küchentür stand, genau an der Stelle, an der sich eben noch ihre kleine Schwester befunden hatte.

„Das gibt es doch nicht“, flüsterte Emma tonlos.

„Wieso nicht?“, meinte Natascha unberührt. „Ich wollte so auch nicht weiter leben. Meiner Ansicht nach sollte es jedem frei stehen, sein Leben zu beenden, wann immer er es will. Und vor allem dann, wenn man so schwer krank ist wie Germaine. Ich habe sie doch gesehen, es muss schrecklich für sie gewesen sein.“

„Wie kannst du nur so etwas sagen?“, empörte sich Caro auf einmal.

„Ein Leben ist das Wertvollste, das es gibt. Vielleicht hätte sie ja doch noch eine Chance gehabt, gesund zu werden. Nur werden wir es jetzt nie erfahren. Oder, was sagst du dazu, Emma?“, wandte sie sich an die verdatterte Freundin.

„Ich glaube, dass auch nur der kleinste Glücksmoment ein Grund ist, um weiterzukämpfen. Auch wenn es nur einer innerhalb von fünf Jahren ist“, sagte Motte nachdenklich, die urplötzlich mit blassem Gesicht und Freddy auf dem Arm in der Tür stand.

„Keiner kann wissen, was passieren wird. Wenn ich sehe, wie manche meiner alten Leutchen mit unglaublicher Kraft nur um ein paar wenige, weitere Tage kämpfen, und manchmal sogar tatsächlich so etwas wie ein kleines Wunder geschieht, dann bricht es mir das Herz, wenn jemand einfach so aufgibt.“

Sie schwiegen nachdenklich, bis Freddy begann zu strampeln in dem verzweifelten Versuch, auf den Boden zu gelangen.

„Komm Kleiner, ich mache dir deinen Brei“, sagte Natascha, da Emma immer noch regungslos in der Ecke stand und keine Anstalten machte, in der so unsanft unterbrochenen Zubereitung des Frühstückes fortzufahren.

„Wie ist sie getötet worden?“, erwachte Emma schließlich aus ihrer Erstarrung.

Die anderen sahen sich stumm an.

„Es war wohl ein Sturz. Ihre Mutter war ganz aufgelöst. Sie konnte sich überhaupt nicht erklären, wie Germaine es alleine gelungen sein sollte, in ihren Rollstuhl zu gelangen, und dann den Fahrstuhl in Betrieb zu setzen“, antwortete Caro letztlich.

„Das muss für eine Mutter das Schlimmste sein“, meinte Motte traurig. „Diese furchtbare Verzweiflung mit anzusehen, und dann noch die Unfähigkeit zu helfen…“

Sie schüttelte den Kopf. „Aber der Arzt hat gesagt, dass Germaine durchaus fähig war, sich dorthin zu bewegen, wohin sie auch wollte. Ganz so hilflos, wie es uns vielleicht erschien, war sie dann doch nicht. Vieles von dem, was sie vermochte, oder auch nicht, war lediglich eine Frage der Schmerzmittel-Dosierung.“

„Sie hat sich nicht umgebracht“, sagte Emma leise, und starrte den beigefarbenen Vorhang an.

„Was meinst du?“, fragte Natascha, die inzwischen Freddy mit Mal-Block und Buntstiften versorgt hatte. Eifrig kritzelnd saß der Junge am Sofatisch im Wohnzimmer und ignorierte die Großen vollkommen.

„Sie ist ermordet worden. Ich habe es gesehen.“

Motte richtete einen stummen Blick auf Caro und Natascha. Dann trat sie zu Emma und legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter.

„Ich dachte, du hättest geschlafen“, sagte Natascha schließlich.

„Vielleicht hast du etwas Ähnliches geträumt“, meinte Motte und sah sie beruhigend an. „Ich weiß noch zu gut, wie du uns alle verrückt gemacht hast, weil du glaubtest unter dem Kellerboden wohnte jemand. Wir mussten alles durchsuchen, und dann noch nach Geheimtüren forschen, wobei es letztendlich doch nur deine Phantasie war, die dir ihre Streiche gespielt hat.“

Caro überlegte einen Augenblick. „Wir können uns wirklich gut vorstellen, dass du manchmal so etwas wie Eingebungen erlebst. Vielleicht – und wenn man so will – sogar Vorahnungen, aber bevor du so etwas in den Raum wirfst, solltest du dir doch ganz sicher sein, dass du Realität und Träume nicht durcheinander bringst. Ich meine…“, sie zögerte, „wir wissen doch alle, dass du manches Mal nicht so ganz bei dir bist.“

Emma errötete und senkte ihren Kopf. „Es ist alles so verschwommen und auch undeutlich. Aber… ich weiß genau, dass ich große Angst hatte…“

„Vielleicht gab es etwas Gruseliges im Fernsehen, das sich in deine Träume eingeschlichen hat. Zusammen mit dem Lärm der Fahrzeuge und dem ganzen Aufruhr draußen… wir sollten wirklich erst alle Eventualitäten in Erwägung ziehen, bevor wir anfangen, Schritte zu unternehmen oder gar Vorwürfe und Vermutungen auszusprechen“, meinte Natascha, die als Einzige beinahe etwas wie Spaß an der ganzen Aufregung zu finden schien.

„Was denn für Schritte?“, warf Caro ein, und sah ihre Schwester streng an. „Und überhaupt solltest du dir zuerst einmal etwas Vernünftiges anziehen, bevor du hier große Reden schwingst.“

„Aber das mach ich doch gar nicht“, rief die Schwester empört. „Aber wenn ich vor dem Einschlafen einen spannenden Film sehe, dann träume ich die Handlung fast unter Garantie weiter. Und meistens bin ich dann auch noch selbst mit dabei und erlebe alles mit.“

Sie grinste.

„Zum Beispiel träumte ich immer nach Akte X davon, dass David Duchovny mich abholt, um mit mir joggen zu gehen. Ohne mich kriegt er es wohl nicht hin. Nur ein einziges Mal kam er mit seinem Raumschiff. Und ratet mal – das war natürlich genau an dem Tag, an dem ich mir den ersten Spielfilm angesehen hatte. Also, wenn das kein Beweis dafür ist wie Träume und Realität ineinander übergehen, dann weiß ich nicht.“

„Genau, weil Fernsehen Realität ist“, warf Motte trocken ein.

„Ach, ihr wisst schon, was ich meine.“

„Leider ja“, gab Caro zu.

„Na also“, triumphierte Natascha. „Und ich hole jetzt das Fernsehprogramm von gestern.“

Emma starrte immer noch still vor sich hin auf den im Laufe der Jahrzehnte arg misshandelten Parkettboden.

„Das Fenster zum Hof kam mit Sicherheit“, sagte sie leise.

„Aha“, rief Natascha. „Genau, eine Wiederholung im Nachtprogramm. Wahrscheinlich hast du dich gefühlt wie James Stewart.“

Begeistert spann sie den Faden weiter. „Und dann bist du von den Sirenen wach geworden, und hast den Film unterbewusst irgendwie mit den Vorgängen in deiner Umgebung vermischt. Oder – was meint ihr?“ Sie sah fragend in die Runde.

„Auf jeden Fall solltest du noch einmal genau darüber nachdenken, bevor du irgendeine Behauptung aufstellst“, riet Caro.

„Kann ja schließlich sein, dass wir hier befragt werden. Und eine Sinnestäuschung würde kein Polizist bei dir ausschließen. Ich meine, ohne dich auf irgendeine Weise beleidigen zu wollen – aber ein verlässlicher Zeuge wärst du nicht so unbedingt.“

Mit einem Mal war sie hellwach. Seltsame, knirschende Geräusche klangen von außerhalb an ihr Ohr. Wie elektrisiert lauschte sie und wurde wie an einem unsichtbaren Band langsam, aber unaufhaltsam zum Fenster gezogen. Der Garten erschien immer noch in hellem Glanz des Mondlichtes und die weißen Wände des Nachbarhauses blendeten ihre müden Augen. Doch dort drinnen, von ihrem Platz aus genau zu erkennen, stand Jacqueline Jagdbach hinter Germaines Rollstuhl, oben, direkt an der Treppe. Emma konnte nicht sagen, ob Germaine es war, die schrie oder Grace Kelly auf der Mattscheibe. In jedem Fall starrte sie schreckensbleich auf die Szene, die sich von Sekunden auf Stunden auszudehnen schien. Unendlich langsam, wie in Trance, so erlebte Emma es mit, als der Rollstuhl mit dem augenscheinlich leblosen Körper darin, sanft nach vorne rollte, einen Moment verharrte, kippte, und dann immer schneller werdend, schwankend, polternd und sich überschlagend die Treppe hinunterstürzte. Germaines schmale Gestalt hielt sich wie ein Wunder bis zu der letzten Stufe in ihrem Gefährt, bis sie schließlich mit unaufhaltsamer Wucht hinausgeschleudert wurde, von der Wand abprallte, und auf dem steinigen Boden aufschlug. Nur für einen kurzen Augenblick gaben die im Mondlicht wie ein seidener Vorhang wehenden Haare das blasse Gesicht Germaines frei. Im Bruchteil einer Sekunde bohrten sich Germaines dunkle, tote Augen in Emmas Herz. Es war totenstill. Unbeweglich wie eine Statue stand Jacqueline Jagdbach, mit einer Hand an das Geländer gelehnt. Die andere hielt sie noch ausgestreckt, das platinblonde Haar leuchtete weiß, wie der Mond selbst.
Emma erwachte aus ihrer Unbeweglichkeit. Eine eisige Kälte überkam sie. Sie versuchte zu schlucken, aber sie fühlte sich wie zugeschnürt. Zitternd kroch sie in ihr Bett zurück und schloss die Augen. Das Kabel des Kopfhörers hatte sich wohl gelöst, denn sie konnte das dramatische Ende des Filmes hören, ohne die Augen öffnen zu müssen. „Nichts ist passiert. Nichts davon ist passiert. Das ist alles nur ein Traum, kann nur ein Traum sein“, flüsterte sie vor sich hin und zog die Decken über den Kopf. In ihren Gliedern schmerzte es, und allmählich verlor Emma das Bewusstsein, sank in erneuten Schlaf. Es war ihr, als hörte sie Sirenen von Krankenwagen und lautes Stimmengewirr. All dies jedoch nicht lebendig genug, um in ihre dumpfen Träume einzudringen. Der Morgen kam Emma unwirklich und seltsam vor. Zum ersten Mal seit Wochen verschlief sie die frühen Morgenstunden und raffte sich erst auf, als die Sonne die Farben der Welt bereits zum Strahlen gebracht hatte. Ein Gefühl der Übelkeit erfasste Emma, als sie sich erhob, und in ihrem Kopf tobte es wild durcheinander. Verrückte Träume kurz vor dem Erwachen, die unwirklichen Erinnerungen, die sich während der Nacht in ihren Verstand gegraben hatten, und das seltsame Fehlen eines vertrauten Morgenkaters – all das verursachte ihr einen bitteren Geschmack im Mund. Ihr war, als schwämme sie alleine auf einem Eismeer, und die einzigen Rettungsflöße wären glitschige Eisschollen, auf denen unmöglich ein Halt zu finden war. Sie rappelte sich stöhnend auf, bekämpfte ihren Schwindel und trat schließlich auf die Treppe. Unten herrschte noch Stille, aber dennoch lag Unruhe in der Luft. In der Küche angekommen, löste sie zuerst eine Aspirin-Tablette in einem Glas Wasser auf. Der bittere Geschmack verstärkte das Gefühl der Übelkeit noch zusätzlich. Mit einem Seufzer setzte sie Kaffee auf und goss sich einen Schluck des Madeiras, der lediglich zum Verfeinern besonderer Gerichte einsam im obersten Regal des Küchenschrankes stand, in ein blaues Plastikglas. Das Klappern des Geschirrs klang beinahe schmerzhaft in Emmas Ohren, als auf einmal Natascha im gepunkteten Schlafanzug in der Küchentür stand. „Hast du das heute Nacht mitgekriegt? So ein Aufruhr, fast wie im Fernsehen.“ Fragend sah Emma die Jüngere an. Eine undeutliche Erinnerung tauchte aus dem Nichts auf, ein verdrängter Traum, als wäre die ganze Nacht eine einzige Folge scheußlicher Albträume gewesen.
„Was war denn?“ Sie schluckte, Böses ahnend. „Ich muss tief und fest geschlafen haben.“ Natascha behalf sich zu einem Orangensaft und trank einen großen Schluck. „Irgendwann heute morgen, so um halb vier oder vier, gab es ein Mordsspektakel, drüben bei den Jagdbachs.“ Natascha setzte sich und kam begeistert ins Erzählen. Ihre Haare standen wirr ab, und Emma fiel zum ersten Mal auf, dass vereinzelte Sommersprossen in ihrem Gesicht buchstäblich leuchteten. „Quietschende Reifen, und das laute Geheul der Sirene des Krankenwagens – also ich stand sofort aufrecht im Bett. Dann bin ich runter gelaufen, und da standen schon Caro und Motte, sowie ein ganzer Haufen Nachbarn, die ich komischerweise vorher noch nie gesehen hatte. Ob die sich tagsüber verstecken und nur in der Nacht hervorkommen? Auf jeden Fall gab es eine Menge Blaulicht und Sanitäter.“ „Was ist denn nun passiert?“ Emma zeigte sich am Ende ihrer Nerven. „Germaine Jagdbach hat Selbstmord verübt“, sagte Caro kalt, die wie aus dem Boden gewachsen auf einmal ebenfalls in der Küchentür stand, genau an der Stelle, an der sich eben noch ihre kleine Schwester befunden hatte.
„Das gibt es doch nicht“, flüsterte Emma tonlos. „Wieso nicht?“, meinte Natascha unberührt. „Ich wollte so auch nicht weiter leben. Meiner Ansicht nach sollte es jedem frei stehen, sein Leben zu beenden, wann immer er es will. Und vor allem dann, wenn man so schwer krank ist wie Germaine. Ich habe sie doch gesehen, es muss schrecklich für sie gewesen sein.“„Wie kannst du nur so etwas sagen?“, empörte sich Caro auf einmal. „Ein Leben ist das Wertvollste, das es gibt. Vielleicht hätte sie ja doch noch eine Chance gehabt, gesund zu werden. Nur werden wir es jetzt nie erfahren. Oder, was sagst du dazu, Emma?“, wandte sie sich an die verdatterte Freundin. „Ich glaube, dass auch nur der kleinste Glücksmoment ein Grund ist, um weiterzukämpfen. Auch wenn es nur einer innerhalb von fünf Jahren ist“, sagte Motte nachdenklich, die urplötzlich mit blassem Gesicht und Freddy auf dem Arm in der Tür stand. „Keiner kann wissen, was passieren wird. Wenn ich sehe, wie manche meiner alten Leutchen mit unglaublicher Kraft nur um ein paar wenige, weitere Tage kämpfen, und manchmal sogar tatsächlich so etwas wie ein kleines Wunder geschieht, dann bricht es mir das Herz, wenn jemand einfach so aufgibt.“ Sie schwiegen nachdenklich, bis Freddy begann zu strampeln in dem verzweifelten Versuch, auf den Boden zu gelangen. „Komm Kleiner, ich mache dir deinen Brei“, sagte Natascha, da Emma immer noch regungslos in der Ecke stand und keine Anstalten machte, in der so unsanft unterbrochenen Zubereitung des Frühstückes fortzufahren. „Wie ist sie getötet worden?“, erwachte Emma schließlich aus ihrer Erstarrung. Die anderen sahen sich stumm an. „Es war wohl ein Sturz. Ihre Mutter war ganz aufgelöst. Sie konnte sich überhaupt nicht erklären, wie Germaine es alleine gelungen sein sollte, in ihren Rollstuhl zu gelangen, und dann den Fahrstuhl in Betrieb zu setzen“, antwortete Caro letztlich. „Das muss für eine Mutter das Schlimmste sein“, meinte Motte traurig. „Diese furchtbare Verzweiflung mit anzusehen, und dann noch die Unfähigkeit zu helfen…“ Sie schüttelte den Kopf. „Aber der Arzt hat gesagt, dass Germaine durchaus fähig war, sich dorthin zu bewegen, wohin sie auch wollte. Ganz so hilflos, wie es uns vielleicht erschien, war sie dann doch nicht. Vieles von dem, was sie vermochte, oder auch nicht, war lediglich eine Frage der Schmerzmittel-Dosierung.“ „Sie hat sich nicht umgebracht“, sagte Emma leise, und starrte den beigefarbenen Vorhang an. „Was meinst du?“, fragte Natascha, die inzwischen Freddy mit Mal-Block und Buntstiften versorgt hatte. Eifrig kritzelnd saß der Junge am Sofatisch im Wohnzimmer und ignorierte die Großen vollkommen. „Sie ist ermordet worden. Ich habe es gesehen.“ Motte richtete einen stummen Blick auf Caro und Natascha. Dann trat sie zu Emma und legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter. „Ich dachte, du hättest geschlafen“, sagte Natascha schließlich. „Vielleicht hast du etwas Ähnliches geträumt“, meinte Motte und sah sie beruhigend an. „Ich weiß noch zu gut, wie du uns alle verrückt gemacht hast, weil du glaubtest unter dem Kellerboden wohnte jemand. Wir mussten alles durchsuchen, und dann noch nach Geheimtüren forschen, wobei es letztendlich doch nur deine Phantasie war, die dir ihre Streiche gespielt hat.“ Caro überlegte einen Augenblick. „Wir können uns wirklich gut vorstellen, dass du manchmal so etwas wie Eingebungen erlebst. Vielleicht – und wenn man so will – sogar Vorahnungen, aber bevor du so etwas in den Raum wirfst, solltest du dir doch ganz sicher sein, dass du Realität und Träume nicht durcheinander bringst. Ich meine…“, sie zögerte, „wir wissen doch alle, dass du manches Mal nicht so ganz bei dir bist.“ Emma errötete und senkte ihren Kopf. „Es ist alles so verschwommen und auch undeutlich. Aber… ich weiß genau, dass ich große Angst hatte…“ „Vielleicht gab es etwas Gruseliges im Fernsehen, das sich in deine Träume eingeschlichen hat. Zusammen mit dem Lärm der Fahrzeuge und dem ganzen Aufruhr draußen… wir sollten wirklich erst alle Eventualitäten in Erwägung ziehen, bevor wir anfangen, Schritte zu unternehmen oder gar Vorwürfe und Vermutungen auszusprechen“, meinte Natascha, die als Einzige beinahe etwas wie Spaß an der ganzen Aufregung zu finden schien. „Was denn für Schritte?“, warf Caro ein, und sah ihre Schwester streng an. „Und überhaupt solltest du dir zuerst einmal etwas Vernünftiges anziehen, bevor du hier große Reden schwingst.“ „Aber das mach ich doch gar nicht“, rief die Schwester empört. „Aber wenn ich vor dem Einschlafen einen spannenden Film sehe, dann träume ich die Handlung fast unter Garantie weiter. Und meistens bin ich dann auch noch selbst mit dabei und erlebe alles mit.“ Sie grinste. „Zum Beispiel träumte ich immer nach Akte X davon, dass David Duchovny mich abholt, um mit mir joggen zu gehen. Ohne mich kriegt er es wohl nicht hin. Nur ein einziges Mal kam er mit seinem Raumschiff. Und ratet mal – das war natürlich genau an dem Tag, an dem ich mir den ersten Spielfilm angesehen hatte. Also, wenn das kein Beweis dafür ist wie Träume und Realität ineinander übergehen, dann weiß ich nicht.“ „Genau, weil Fernsehen Realität ist“, warf Motte trocken ein. „Ach, ihr wisst schon, was ich meine.“ „Leider ja“, gab Caro zu. „Na also“, triumphierte Natascha. „Und ich hole jetzt das Fernsehprogramm von gestern.“ Emma starrte immer noch still vor sich hin auf den im Laufe der Jahrzehnte arg misshandelten Parkettboden. „Das Fenster zum Hof kam mit Sicherheit“, sagte sie leise. „Aha“, rief Natascha. „Genau, eine Wiederholung im Nachtprogramm. Wahrscheinlich hast du dich gefühlt wie James Stewart.“ Begeistert spann sie den Faden weiter. „Und dann bist du von den Sirenen wach geworden, und hast den Film unterbewusst irgendwie mit den Vorgängen in deiner Umgebung vermischt. Oder – was meint ihr?“ Sie sah fragend in die Runde. „Auf jeden Fall solltest du noch einmal genau darüber nachdenken, bevor du irgendeine Behauptung aufstellst“, riet Caro. „Kann ja schließlich sein, dass wir hier befragt werden. Und eine Sinnestäuschung würde kein Polizist bei dir ausschließen. Ich meine, ohne dich auf irgendeine Weise beleidigen zu wollen – aber ein verlässlicher Zeuge wärst du nicht so unbedingt.“

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